Dr. Horst F. Preiß
In
memoriam Blanche Merz
Es ist Samstag, der 6.1.2002. Die Post bringt einen Brief ohne Absender, der Stempel zeigt 3.1.2002 - 1800 Vevey 1. Ich ahne, was er enthält. Blanche Merz hatte in einem Telefongespräch zu einem Projekt in Dänemark von ihrem Leiden gesprochen und von der neuen Therapie, der sie sich unterziehen wollte. Sie ist am 1. Jänner dem Leiden erlegen.
Der ganz persönlich gehaltene Text der Karte, den sie selbst verfasst hatte, erschütterte mich zutiefst. Es war wie ein Abschiedsbrief, was ich las. Mit diesen letzten Sätzen spielte sie auf unser wissenschaftliches Verständnis an und rief damit Bilder aus der Vergangenheit vor das geistige Auge.
Liebe, sehr verehrte Blanche, der lange Postweg hat es verhindert, dass ich Dir in Chardonne die letzte Ehre erweisen kann - nimm diese Zeilen als meinen Nachruf und als Dank für den jahrelangen wissenschaftlichen Gedankenaustausch, den Du mir gewährt hast.
Die Diskussion zu verschiedenen Problemen der Geobiologie zeigten mehr und mehr Gemeinsamkeiten und führten ab und zu auch zu gemeinsamer Arbeit. Dabei zeigte sich Dein „revolutionärer“ Geist (immerhin warst Du ja entgegen Sitte und Brauch ETH-Studentin und im erlernten Beruf nicht nur geduldet tätig, sondern führend erfolgreich; Du hast Deine Gedanken zu Politik und sozialer Stellung der Frau über die Grenzen Deines Vaterlandes hinausgetragen in alle Welt) , dieser Geist hatte manchmal auffallende Parallelen zu meinen Ideen. Deine Art, den Dingen auf den Grund zu gehen und dem ‘Warum’ nachzuspüren, entsprach meinem stets geübten ‘ad fontes!’: Du bist dem Machalettschen Dreieck und der Linie nach Salvage nachgereist, ungeachtet der körperlichen Strapazen und der ungemein hinderlichen Bürokratie; Du bis den Einweihungsweg von Teotihuacán bis zu Ende gegangen, obwohl das ein ungemein gefährliches Unterfangen ist. Du bist wie ein Taucher in die Tiefe gegangen, um den Grund zu sehen und in schwindelnde Höhen gestiegen, um die Kraft des Ortes zu messen.
Trotz Deiner vielen und anstrengenden Reisen hattest Du noch die Kraft zu geobiologischen Untersuchungen und zur Publikation der dabei gewonnenen Erkenntnisse. Ja, Du hast Dir auch Zeit genommen, mit meiner Gruppe gemeinsam in Aachen und Prag zu muten und den Mainzer Dom zu besuchen und unsere Untersuchungsergebnisse zu prüfen. Dabei konnten wir alle nicht nur Dein Können tagelang erleben, sondern auch Deine Freude an der Arbeit, besonders wenn unsere Resultate übereinstimmten. So bleibt mir in Erinnerung, dass Du in der hochheiligen Halle des Domes vor Freude beinahe wie ein kleines Mädchen von einem Bein aufs andere gehüpft wärst, als Du unsere Resultate mit Deinen verglichen hattest - sie waren identisch gleich.
Deine ungeheuer große Sensibilität (besonders der Füße) hat Dich vor allen anderen ausgezeichnet; Deine klare, stets eindeutig formulierte Aussage zu den Dingen hat Deinen Veröffentlichungen in der geobiologischen Forscherwelt größte Anerkennung eingetragen. Deine Bereitschaft, wissenschaftliches Material auch anderen zugänglich zu machen oder zur Verfügung zu stellen, hat Dich hoch herausgehoben und lässt mich persönlich noch einmal Dank sagen, ganz besonders im Hinblick auf das geplante Projekt in Dänemark, das Du mir wenige Monate vor Deinem Abschied anvertraut hast.
Trotz mancher Enttäuschung, ich denke an den Versuch, die ETH Zürich zu einer Zusammenarbeit bei der Beobachtung der Wirkung von Erdbeben auf Reizstreifen zu gewinnen und dem Versuch, ein Heilinstrument altägyptischer Art in Europa einzusetzen, hast Du nie den Mut verloren, zukunftsweisenden Gedanken nachzugehen. Du warst ein Leben lang Pionierin, wie es der Untertitel Deiner Biographie sagt. Der geologische Stempel, den Du bei Geburt auf vulkanischem Boden bekamst, lässt mich aber doch aus eigenem Erleben sagen, (ich wurde auch auf einer Vulkanruine geboren), dass es die Kraft der Erde war, die Dich zu allen Leistungen antrieb.
Nun gehst Du zurück zu Gaia und hinterlässt ein Gedankengebäude, in dem die fühligen und geistig verwandten Forscher zu kurzer Rast verweilen können, um gestärkt auf den Pfaden, die Du gewiesen hast, weiter zu gehen. Dann mag auch wieder jenes kleine, fast verschmitzt aussehende Lächeln um Deinen Mund spielen und Dich sagen lassen:
„Vertrauen wir einem Etwas, das uns übertrifft!“
Leb’ wohl - DRP.